– Vom Türmer zur Musiktradition – (Teil 1)

Vom Türmer zur Musiktradition – 444 Jahre Waldthurner Musikgeschichte

Stolz darf sich die Trachtenkapelle Waldthurn (TKW) zu den ältesten Blasmusikkapellen Bayerns zählen. In diesem Jahr steht ein besonderes Jubiläum an: Am 15. August 2026 feiert die Kapelle ihr 444-jähriges Bestehen mit einem großen Sommer-Open-Air. Neben der TKW selbst wird auch die beliebte Formation „Dezent Böhmisch“ den Abend musikalisch gestalten – längst Stammgäste in Waldthurn.

 

Von den Türmern zum eingetragenen Verein

Waldthurn kann auf eine außergewöhnlich lange und lebendige Musiktradition zurückblicken. Ihre Wurzeln reichen bis in das 16. Jahrhundert zurück und sind mit der Türmerstelle verbunden. Der Türmer war damals Kirchendiener, Wächter und Musiker zugleich. Zu seinen Aufgaben gehörte es, vom Kirchturm aus vor Feuer oder feindlichen Angriffen zu warnen, die Kirchenglocken zu läuten und kirchliche Feiern musikalisch zu begleiten.

Bereits im Jahr 1582 finden sich in alten Kirchenrechnungen erste urkundliche Hinweise auf die Besoldung eines Türmers. Diese erfolgte damals noch in Form von Naturalien: Getreide und Holz aus den Erträgen des sogenannten Wiedehofes sowie aus den Kirchenzehenten. Nach der Reformation, als viele dieser Einnahmequellen wegfielen, wurde die Entlohnung aus dem Amtskasten des Marktes Waldthurn übernommen.

Seit dem Jahr 1657 sind diese Zahlungen genau dokumentiert. Der Türmer erhielt jährlich mehrere Schäffel Korn und Gerste sowie eine Holzvergütung aus den fürstlichen Wäldern. Diese Regelung blieb über Jahrhunderte hinweg bestehen und zeigt, welch wichtige Stellung dieses Amt im Ort einnahm.

Als frühester namentlich bekannter Türmermeister gilt Andreas Schriml, der vor 1776 verstarb. Ihm folgte sein Sohn Georg Schriml, der bis zu seinem Tod im Jahr 1799 im Amt blieb. Danach übernahm Josef Schriml die Türmerstelle. Über mehrere Generationen hinweg blieb das Amt somit in der Familie Schriml und prägte das musikalische Leben Waldthurns nachhaltig.

Die Mitglieder der Familie Schriml waren nicht nur Türmer, sondern auch talentierte Musiker. Bereits im 18. Jahrhundert verfügten sie über eine beachtliche Sammlung an Instrumenten, darunter Trompeten, Hörner, Geigen, Klarinetten, Posaunen und Zimbeln. Mit ihrer Musik begleiteten sie Gottesdienste, Prozessionen, Marktfeiern und zahlreiche bürgerliche Feste.

Im 19. Jahrhundert führte Bartholomäus Schriml das Amt über beeindruckende fünf Jahrzehnte hinweg. Sein 50-jähriges Dienstjubiläum wurde 1886 mit einem feierlichen Festgottesdienst begangen. Nach seinem Tod im Jahr 1887 übernahm sein Sohn Peter Schriml die Türmerstelle. Er war ausgebildeter Musiker und hatte zuvor als Hautboist beim 6. Infanterie-Regiment gedient. Mit großem Engagement gründete er eine eigene Kapelle – die spätere Trachtenkapelle Waldthurn.

2.Reihe sitzend, von Links nach Rechts: 2. Franz Schriml; 3. Peter Schriml; 4. Bartholomäus Schriml

Peter Schriml komponierte zahlreiche Musikstücke, darunter Märsche, Walzer, Polkas und Galopps. Besonders bekannt wurden der „Turner-Walzer“ sowie der „Tanzerangl“-Galopp.

Nach ihm übernahm 1894 sein Bruder Franz Schriml die Türmerstelle. Dessen Tochter Theresia heiratete im Jahr 1905 den Pleysteiner Türmerssohn Josef Müllner. Damit ging die musikalische Tradition auf eine neue Familie über.

Im Jahr 1920 trat Josef Müllner offiziell die Nachfolge seines Schwiegervaters als Türmer an. Er war nicht nur Türmer, sondern auch ein leidenschaftlicher Musikmeister. Über viele Jahre leitete er die Kapelle, bildete junge Musiker aus und führte die musikalische Arbeit in der Gemeinde mit großem Engagement fort.

1. Reihe von links: Matthias Kick, Emeram Daubenmerkl, Josef Pflaum, Josef Probst, Max Bauer, Oskar Ertl, Hans Bauer, Karl Bergler; 2. Reihe sitzend: Hans Grünauer, Josef Kleber, Josef Müllner, Franz Müllner, Hans Pühler

Nach seinem Tod im Jahr 1956 übernahm sein Sohn Josef Müllner junior die Leitung. Der 1920 geborene Musiker hatte bereits in seiner Kindheit eine umfassende Ausbildung auf Violine, Zither, Gitarre, Klarinette und Tenorhorn erhalten. Nach dem Zweiten Weltkrieg baute er die Musikkapelle neu auf und entwickelte sie zu einem beachtlichen Klangkörper. Unterstützung erhielt er dabei von seinem Bruder Franz, der als Waldhornist und Militärmusiker tätig war.

In den 1960er-Jahren erlebte die Kapelle eine besondere Blütezeit. Sie erhielt eine neue Tracht und nahm erfolgreich an zahlreichen Wettbewerben teil. Ein besonderer Erfolg gelang 1966 beim Musikfest in Wackersdorf, wo die Kapelle den zweiten Preis errang und damit den Namen Waldthurn weit über die Oberpfalz hinaus bekannt machte.

1. Reihe stehend: Albert Vitzthum, Albin Meier, Karl Pflaum, Gerhard Müllner, Oskar Weidensteiner, Karl Müller 2. Reihe stehend: Franz Vitzthum, Josef Pflaum, Josef Müllner, Josef Müllner (Kapellmeister), Alfred Götz, Josef Götz, Johann Fürnrohr 3. Reihe sitzend: Hans Hierold, Josef Lindner, Karl Kick, Josef Pflaum sen., Franz Müllner

Im Jahr 1994 wurde die bisherige Privatkapelle „Trachtenkapelle Müllner“ in einen eingetragenen Verein überführt. Damit endete zugleich die lange Dirigentenzeit von Josef Müllner senior. Fortan wurde die Kapelle von einem neu gewählten Vorstand geführt, der sich aus Musikern des Orchesters zusammensetzte. Erster Vorstand des neu gegründeten Vereins wurde Alfred Götz, während Josef Müllner – ein Neffe des inzwischen verstorbenen Musikmeisters Josef Müllner senior – die musikalische Leitung übernahm. Die Familie Müllner ist bis heute in der Trachtenkapelle vertreten. Doch nicht nur sie prägt das Vereinsleben: Auch die Familie Pflaum-Magerer gehört der Kapelle seit 1898 ununterbrochen an – mittlerweile in sechs Generationen.

 

Das Vereinsleben der Trachtenkapelle Waldthurn e.V. und ihre weitere Entwicklung werden im zweiten Teil näher beleuchtet.

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